Gerade oder schief?

Die natürliche Schiefe. Haben das auch die Reiter?

Aber ja! Überall hört man von der natürlichen Schiefe des Pferde, dabei verfügen auch wir Menschen über eine natürliche Schiefe. Die einen mehr, die anderen weniger. Spätestens in der Schule zeigt sich wer die rechte oder die linke Hand zum Schreiben bevorzugt. Diese "Händigkeit" zeigt sich nicht nur beim Schreiben, nein auch beim Gehen, Stehen und im Sport. Natürliche Schiefen führen dazu, dass wir unbewusst die einen Gelenke durch eine einseitige Belastung mehr abnutzen als andere. Auch unsere Muskulatur ist von der unbewussten, einseitigen Belastung mehr oder weniger stark betroffen.

Vor dem Spiegel kann jeder sichtbar feststellen, dass der stärkere Arm etwas mehr Umfang und Muskulatur hat als der Schwächere. Oder dass der eine (stärkere) Oberschenkel fester ist und oft sogar etwas mehr Umfang aufweist als der Andere (schwächere). Aufmerksame Menschen beobachten an sich, dass sie beim Gehen immer mit dem gleichen Bein abstossen (in der Regel heben wir unser schwächeres Bein beim ersten Schritt an und stossen mit dem Starken ab). Oder immer mit dem gleichen Fuss die erste Treppenstufe erklimmen (auch da wird der Fuss des schwächeren Beins auf die erste Stufe gesetzt und mit dem Starken abgestossen).

Eine Reiterin mit ausgeprägter Schiefe im Becken. Knickt in der linken Hüfte ein, mehr Belastung des linken Sitzknochens. Rechtes Bein länger, rechter Fuss deutlich tiefer als links.

Nach der Sitzschulung hat die Reiterin gelernt, wie sie ihre Schiefen kontrollieren und selber ausgleichen kann. Becken fast waagrecht, beide Knie und Füsse auf gleicher Höhe.

Beim Reiten werden uns diese natürlichen Schiefen ungeahnt zum Verhängnis… oft mehr als wir wahrhaben. Das starke Bein wirkt unbewusst oft mit mehr Muskeltonus/Druck stärker auf das Pferd ein. Nicht selten bringt das schwache Bein zusätzlich mehr Gewicht in den Bügel als das andere! Das wiederum kann zu einer Schiefe im Becken führen was wiederum den Reiter nicht mehr gleichmässig auf beiden Sitzknochen sitzen lässt.

Unsere Schiefen können sich durch den ganzen Körper ziehen. Sehr viele Reiter sind auf einer Seite auffällig "hohl" im Oberkörper. Gut sichtbar wird das von vorne oder hinten gesehen an den Schultern. Eine Schulter hängt etwas tiefer als die andere. Der Abstand zwischen Achselhöhle und Becken verkürzt sich auf einer Seite. Auch diese Problematik kann zu einem schiefen Becken und einseitiger Sitzknochen-Belastung beim Reiten führen.

Wie unangenehm muss es für das Pferd sein, wenn eine stete einseitige Belastung auf seinem Rücken ausgeübt wird… sei es durch die Sitzknochen oder den ungleichen Druck unten im Bügel.

Reiterin mit ausgeprägter Schiefe im Oberkörper. Rechte Schulter ist viel höher, knickt ein in der linken Hüfte, mehr Sitzknochen-Belastung rechts, linkes Bein länger.

Nach der Sitzschulung weiss die Reiterin ihre Schiefen zu kontrollieren: rechte Schulter loslassen und den Bauchnabel waagrecht wenig nach links ziehen.

Kann ein in sich schiefer Reiter sein Pferd Geraderichten?

Nein - wage ich zu behaupten - nicht mit feinen Hilfen aus dem Sitz geritten. Pferde reagieren unterschiedlich bei ungleichmässigen Belastungen auf ihrem Rücken. Verwerfen im Genick oder den Schweif schief tragen kann durchaus von einem schiefen Reiter stammen. Wenn Seitengänge auf eine Hand gut gelingen und auf die andere mit unschönem Knorzen enden handelt es sich oft um einen schiefen Reiter. Sehr sensible Pferde können mit der Zeit die (Mit)Arbeit verweigern was wiederum zu falschen und unangebrachten, bis hin zu unfairen Reaktionen des Reiters führt. 

Guter Sitzschulungs-Unterricht, regelmässige Sitzungen beim Osteopathen, Cranio-Sakrale-Körperarbeit, modernes Yoga und vieles mehr unterstützen das Geraderichten und wirken gegen die natürlichen Schiefen. Erst jetzt darf aus meiner Sicht an den Schiefen des Pferdes gearbeitet werden! 

Es grüsst Euch herzlich

Andrea Andrighetto

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